Literaturcafe Kopf
Corona

   Liebe Lust und Leidenschaft in den Zeiten von Corona...

Inhaltsverzeichnis

Elena Ratzlaff Eigenliebe 31.Mai.2020
Frieder Döring Jahresanfang 12.Mai.2020
Dieter Drechsler Der Avatar 22.Mai.2020
Hedwig Bäte Glück ist 18.Mai.2020
Michael Blum Liebesunglück 16.Mai.2021
Frieder Döring Das Wasserbett 12.Mai.2020
Elena Ratzlaff Erlesen 06.Mai.2020
Dieter Drechsler Datingportal 04.Mai.2020
Michael Blum Muttermal 2.Mai.2020
Frieder Döring Als uns die Mondin 2.Mai.2020
Michael Blum Der Liebesrausch 2.Mai.2020




Eigenliebe

Es ist nicht immer so, dass der Mensch sich nicht selbst liebt, ganz im Gegenteil.
Es ist die Schwermut, die sich in euren Augen widerspiegelt,
die darauf basiert, dass jener Mensch von einem anderen Menschen genauso geliebt zu werden suchtet,
wie er sich eben selbst liebt!
Man sollte nicht oberflächlich über eines Menschen Worte und Taten urteilen!
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Mich langweilt es, mir selbst genug zu sein. Mich selber toll zu finden. Mich zu lieben.

Autorin Elena Ratzlaff


Jahresanfang

Weit entfernt sich das begonnene Jahr
Da sind die Jubiläen
Die keine sind
In den Taschen die Trophäen
Der Sand der rinnt
Da ein paar Worte
Hier eine Tat
Besuch der alten Orte Auf ausgetretenem Pfad
Ein Druck der Hände
Ein Lippengruß
Durch rissige Wände
Erst dann Genuss
Auf dem Kissen dein Haar
Und weit entfernt sich das begonnene Jahr

Autor: Frieder Döring

Der Avatar

»Schon wieder Freitag!«, seufzt Almut, während sie den Einkauf in den Kühlschrank räumt. Dabei wird ihr bewusst, dass auch diese Woche wieder einfach so vergangen war und in ihrer Erinnerung keine besonderen Spuren hinterlassen hat.
OK, am Wochenende waren sie und Bert wieder einmal um den See gewandert und sind wieder einmal im „Schlösschen“ eingekehrt und haben dort wieder einmal zu Abend gegessen. Aber das haben sie schon so oft gemacht, dass es mittlerweile zur ihrer Eheroutine dazugehört.
»Eheroutine, das hört sich genauso wie Ehepflichten an«, wiederholt Almut ironisch in Gedanken das Wort und muss dabei an den kommenden Abend denken.
Früher, als sie noch keine Kinder hatten, alberten sie mit solchen Begriffen herum und gaben damit sogar vor den noch unverheirateten Paaren an. Bis sie so nach und nach von der Realität eingeholt wurden.
Am darauffolgenden Montag, Bert war schon seit einer ganzen Weile zum Büro unterwegs, klingelt es an der Türe. Besuch oder eine Lieferung hat Almut nicht erwartet und rannte daher wie immer in einer verblichenen Jogginghose und einem ausgeleiertem T-Shirt herum.
Es klingelt wieder. Etwas unwillig öffnet Almut die Türe und sieht in das strahlende Lächeln ihrer Freundin Emelie, die ihr zwei Kisten mit Stiefmütterchen entgegen streckt.
»Emelie, Du?«, Almut zeigt entschuldigend auf ihr Outfit. »Ich habe nicht mit einem Besuch gerechnet«.
»Na und?« antwortet Emelie und zieht dabei amüsiert ihre Augenbrauen hoch. »Wo darf ich die Stiefmütterchen hinstellen? Ich habe viel zu viel gekauft und hoffe, dass du im Garten noch eine Lücke für sie hast.«
Almut Garten ist nicht groß, aber gemeinsam fanden sie dennoch sonnigen Platz für die überschüssigen Blumen. Anschließend setzte Emelie sie so dicht an dicht in die Erde, dass ihre Blüten sich wie zu einem bunten Teppich vereinten.
»Das sieht einfach toll aus!«, freut sich Almut und rückt Tisch und Stühle auf der Terrasse zurecht.
»Komm! - Du setzt dich jetzt hier hin, damit du dein Werk genießen kannst, und ich mache uns einen Tee.«
Es war nicht nur dem anregenden Tee geschuldet, dass Emelie lebhaft von ihrem Mann und den gemeinsamen Unternehmungen erzählte, während Almut immer schweigsamer wurde.
Emelie runzelt die kritisch ihre Stirn. »Sag mal, was macht ihr denn so? Du sagst ja gar nichts.«
Almut sieht ihre Freundin einige Sekunden nachdenklich schweigend an, nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse und atmet tief ein.
»Ach Emelie, - wir kennen nun uns schon fast ein Leben lang. Weißt du, wenn ich dich so erzählen höre, komme ich mir wie schon gestorben vor.«
Emelie sieht ihr Freundin erschrocken an. »Hab ich was falsches gesagt?«
»Nein, Nein«, beeilt sich Almut zu sagen, »es ist … , ihr macht so viel Schönes, und bei uns - passiert nichts.«
»Nichts? Wie meinst du das?«
»Du weißt schon. Und das Eine hängt mit dem Anderem zusammen. Wir funktionieren nur noch. Was Neues hat in unser Eheroutine keinen Platz mehr.«
Emelie sieht ihre Freundin ernst an. »Mit diesem Problem bist nicht alleine. Hast du schon mal danach gegoogelt?«
»Ich und Internet?«, winkt Almut abfällig ab. »Wie soll ausgerechnet mir das Internet dabei helfen?«
»Dann such mal nach Talaman. Du weißt schon, vielleicht kann er dir helfen.«
Die Stiefmütterchen waren schon lange verblüht und durch Petunien ersetzt worden, ehe sich Amelie und Almut unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse wiedersehen.
»Das ist aber ein hübsches Kleid!«, bemerkt Emelie Almuts sommerliches Outfit.
»Bert findet es auch«, antwortet Almut lächelnd, »Tee?«.
»Gerne. - Im Ernst, redet dein Mann bei deiner Garderobe etwa mit?«
»Ja, und er hat einen richtig guten Geschmack!«
»Wenn ich an unser letztes Treffen im Frühling denke. Da klang es anders!«
»Das ist lange her!«
»Wie schön, - was habt ihr denn gemacht?«
»Wir nichts!«, antwortet Almut mit einem hintergründigen Lächeln. »Ich hab mich mal mit Talaman unterhalten.«
»Ach, und?«
»Weißt du, nach unendlich langer Zeit bin ich mal nach meinen Wünschen gefragt worden.«
Emelie hat dem nichts hinzuzufügen und sieht ihre Freundin zustimmend nickend lächelnd an.
Almut rückt näher zu ihr heran. »Es gibt nur ein klitzekleines Problem«, flüstert sie.
»Das wäre?«
»Alles ist gut. So wie früher. Nur wenn ich mit Bert zusammen bin, muss ich immer wieder an Talaman denken. Obwohl er als Avatar nur virtuell existiert, werde ich ihn einfach nicht mehr los.«
Emelie legt ihren Arm um ihre Freundin und zieht sie ein wenig zu sich heran. »Da bin ich mir ganz sicher«, flüstert sie ihr ins Ohr, »jede Frau hat einen Talaman.«

Autor: Dieter Drechsler



Glück ist

morgens
über baumwipfeln die sonne AUFGEHEN sehen
VERTRAUEN in den augen eines kindes erblicken
die schnauze meines hundes in der HAND spüren
eine köstlichkeit auf der zunge ZERGEHEN lassen
den DUFT von vanille auf der haut riechen
plötzlich
vor lachen SCHIER bersten können
arm in arm MUND an mund abends einschlafen

Autorin: Hedwig Bäte


Liebesunglück

Sie hatten sich bei dem Fest gegenüber gesessen, nicht gewusst, dass der andere eingeladen war.
Wie es sich gebührte, saßen sie bei dem Anlass neben ihren Lebenspartnern, er neben seiner Gefährtin, sie neben ihrem Gefährten. Man hatte sich entschieden, weil es im Leben irgendwann eine Verbindlichkeit braucht. Das ewige Suchen, dann jemanden finden, umkreisen und umwerben, das konnten nur Phasen im Leben sein aber nicht das Leben selbst. Jetzt hatte man Beständigkeit mit dem festen Partner, ward stets als Paar eingeladen und hatte schon seit Jahren eine gewisse Festroutine entwickelt - unverbindliche Fröhlichkeit war auf Kommando verfügbar, genau wie man inzwischen über ein belangloses Themen-Potpourrie für viele Gelegenheiten verfügte. Die Kleiderwahl des Partners für derartige Anlässe wurde schon lange nicht mehr ernsthaft kommentiert.
Und jetzt das – sie hatten versucht, zu vergessen und konnten nun, gegenübersitzend, den Blicken des anderen kaum ausweichen. Wie lange hatten sie sich nicht gesehen? Vielleicht sieben Jahre - keine ganz so lange Zeit. Es hatte damals nicht funktioniert mit ihnen - und das obwohl, oder vielleicht gerade weil, es da eine Wildheit gab; etwas, das sich nicht bändigen ließ; etwas, dass ihnen einen Alltag vollkommen unmöglich machte; etwas, das sie erhitzte und sie überdrehen ließ; fast schon fürchteten sie, nicht nur verrückt nacheinander zu sein, sondern regelrecht um ihren Verstand bangen zu müssen. Es hatte sie zerrissen und nach nur drei Monaten manischen Miteinanders war es dann vorbei. Zu sehr hatte es an den Kräften gezehrt; sie hatten sich dann leer gefühlt und nicht gewusst, wie sie sich wieder hätten auffüllen können. Die Depression kam dann mit der Frage, wie es denn weitergehen solle; es hatte sich keiner von ihnen beiden festlegen wollen, hatte doch erst die große Freiheit eine derartige Intensität zwischen ihnen entzündet. Und Entscheidungen bedeuteten das Ende der Freiheit.
Was ihnen geblieben war, das war die endlos große, heimliche Sehnsucht nach dem anderen, nie und niemandem erzählt, weil unerzählbar - die Welt hätte es wohl nicht verstanden.
Die Zeit kann Wunden nicht heilen und mit der Erinnerung war auch der Schmerz geblieben und mit dem Schmerz die Frage, ob es nicht doch einen Weg für sie hätte geben können.
Und jetzt saßen sie hier einander gegenüber, gepflegte Konversation betreibend, und sahen den Weg, den der andere gewählt hatte. Jeder für sich wusste, dass der Weg ein vernünftiger gewesen war - es war nicht so, dass man seine Entscheidung bereut hätte, aber das Manische, die Liebesexplosionen, das Unersättliche - das war aus ihren Leben verschwunden.
Ein Blick direkt zu Beginn des Festes hatte schon ausgereicht, so vertraut waren sie wohl noch miteinander - sie hatten sich kurz verständigt, nichts davon zu offenbaren, dass sie sich von früher her kannten. Das war auch damals schon ihr wunderbares Spiel gewesen, ihr Geheimnis vor der Welt.
Wohl war dann am Ende der Händedruck zur Verabschiedung etwas länger ausgefallen als nötig. Eine letzte Berührung, ein letzter Blick.
Vor dem Schlafengehen mit dem eigenen Gefährten würde man den Abend mit seinen Gästen noch ausgiebig analysieren und zerpflücken und sich ein wenig rechtfertigen müssen, warum man denn so ungewohnt aufgedreht gewesen sei.
Dabei wäre man noch gerne für ein halbes Stündchen mit sich und einem letzten Gläschen allein gewesen.
Autor: Michael Blum


Das Wasserbett

Da hätte endlich mal ein Wort
Zu einigen der losen Enden
Dieses zerzausten Knäuls
Bei dir bei mir gesagt sein sollen
Und waren schon dabei zu schmollen
Über´s Schicksal und die böse Welt Jeder auf seine Weise
Du ganz leise Stumm fast pflanzengleich
Ich mehr zwitschernd schwätzend
Wie die freche Amsel
Die da dauernd diesen Sommerabendhimmel
Kreuzte hinter Spinnen her
Welche oben zwischen Wipfeln turnten
Fadenlos zu schweben schienen
Als die Dämmerung ihr Weben
Ihre Räuberarbeit zu dem Reigen machte
Den sich jeder von uns in sein Leben dachte
Als ein Sinngefüge einen Tanz vielleicht
Den dann gleich die Hände übernahmen
Von den Sinnen kamen ohne Worte die Signale
Ohne Text nur Melodien
War ganz nett da auf dem Wasserbett
Wo die Träume leicht gediehen
Als die Worte uns verlassen hatten

Autor: Frieder Döring

Erlesen

Jeder Tag gleicht dem nächsten, mein Körper schwebt auf einer Umlaufbahn. Jeder Tag beginnt so jung, stirbt so schnell und ich, ich existiere bloß. Ich schwimme zwischen tausenden Atomen, die zu aufsteigenden Molekülen mutieren. Ich fühle mich hier unten nicht wohl, hab Ambitionen doch mir fehlt der Weg. Hab keine Ahnung wo die Treppe ist, hab keine Verbindung zum Strom, ich bin bloß ein kleines Atom.
Ich will mich verbinden, mit irgendwem, doch weiß nicht wie, mir fehlt die Energie. Ich habe viel zu geben, doch weiß nicht an wen, versuche immer noch mich aufzuheben. Ein befremdendes Gefühl, unter Menschen zu sein, welche doch alle gleich zu sein scheinen, wie ich. Doch ich will nur eins: Heim. Ankommen. Möchte in den Arm genommen werden, will zu jemandem gehören, will die magischen drei Worte hören, will Traurigkeit und Einsamkeit zerstören. Weiß nicht wie zu re- und zu agieren, hab keine Ahnung, an wen oder was mich zu orientieren, will mich verlieben, will mich vergeben und will anfangen zu leben. Ich suche sie und verfluche sie. Hoffnung, du lässt mich im Stich. In all den vielen Gesichtern sehe ich dich nicht. Fühl mich in fremden Augen nicht wohl, obwohl ich wissen will, was dahinter steckt. Doch ich bin bloß ein kleines Atom, noch unentdeckt.
Bin ich wirklich so unsichtbar? Bleiben meine Wünsche, für mich, unerreichbar? Ich fühl mich verloren, fühl mich vergessen. Bin besessen vom Wunsch auszubrechen. Will nicht an Einsamkeit zerbrechen, will mich an Zärtlichkeit sattessen, bin besessen vom Wunsch, diese zu teilen, hab keine Lust mehr, mich zu langweilen. Ich habe verlernt zu küssen, hab keine Lust mehr, diese vermissen zu müssen, will leidenschaftlichen Sex mit Gefühl und Vertrauen, brauche jemandem, zum Aufbauen. Will nehmen und geben dürfen, ohne Angst vor Vorwürfen, will erzählen können, was mich bewegt, was mich verletzt, will geschätzt werden.
Jeder Tag beginnt so jung, stirbt so schnell und ich, ich werde immer älter und älter und älter und immer älter. Ich brauche eine Bucht, brauche Zuflucht, brauche Sehnsucht, brauche eine Wucht von Verlegenheit, von Vollkommenheit. Durch mich und durch dich. Ich will nicht mehr alleine sein, ich will nicht mehr glücklich sein, nur zum Schein, ich will nicht mehr immer nur hoffen, will offen sein, für schöne Gefühle. Ich will nicht mehr warten müssen, will schwimmen in großen Ergüssen aus alledem, das mir noch fehlt. Ich will nicht mehr, mich so langweilen, will meine ablaufende Zeit, mit jemandem teilen. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich. Fühle. mich. So. einsam!
Und sei du mal ganz ehrlich… Geht es dir nicht auch manchmal so? Kennst du die Einsamkeit unter glücklichen Leuten? Und möchtest du nicht auch jemandem etwas bedeuten? Könntest du nicht auch an diesem Gefühl zerbrechen? Und kannst du gönnen und wünschen, wenn andere von „Liebe“ sprechen?
Für dich und mich, ist sie ein Tabuthema, dabei wäre es mit ihr viel angenehmer. Und du Sagst: „Ja! Ich vermisse sie auch. Ja, ich brauche sie auch. Und ja, es tut weh, ohne sie.“ Doch sie will nicht zu uns, sie gibt um uns einen Strunz, sie lacht uns aus macht sich ein ewiges Spiel daraus und wegen ihrer Ignoranz gehen wir ebenfalls immer mehr auf Distanz. Suchen Ablenkung in unüblichen Dingen und Taten, haben uns selbst jedes Mal damit verraten und können es trotzdem nicht lassen.
Menschen. Überall Menschen. Wir suchen sie und verfluchen sie. Hoffnung, du lässt uns im Stich. In all den vielen Gesichtern sehen wir dich nicht. Wo steckst du nur? Von Liebe, immer noch keine Spur. Diese Fragen, sie packen uns am Kragen, wir werden zerdrückt und alles, woran wir uns klammern, wie verrückt, sind unsere Träume. Und wir warten, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Träumen von Zweisamkeit, hoffen auf die nächste Gelegenheit, sie zu finden, doch es kostet Mut, sich zu überwinden und wieder raus zu gehen.
Menschen. Überall Menschen. Ich. Fühle. Mich. So. Einsam!
Und zwischen all den tanzenden Herzen, zwischen all den leuchtenden Augen, welche an einem saugen und doch nichts taugen, stehe ich. Stehst du. Da stehen wir. Alleine. Zu oft enttäuscht, zu oft verletzt, die Liebe, sie wurde durch Alkohol ersetzt. Bässe dröhnen, Alkohol in Gläsern, Alkohol auf dem Boden, Alkohol in Köpfen. Und zwischen alledem, fange ich an zu tanzen. Zwischen alledem nutzt du deine Chancen und ich lasse mich darauf ein. Bin für diese Nacht einfach Dein und wir vergessen alles für wenige Stunden. Sind ungebunden für wenige Minuten, bis wir am nächsten Morgen an noch mehr Einsamkeit verbluten.
Wir wollen uns trauen etwas aufzubauen, wollen uns in anderen Augen spiegeln, denjenigen für uns besiegeln und wollen als Moleküle aufsteigen.
Doch wir sind bloß kleine Atome, die dazu neigen, unentdeckt zu bleiben. Wir wollen geladen sein, sind stattdessen immer allein. Wir warten auf unsere Zeit, sind schon lange für sie bereit. Und wir warten und warten. Tag für Tag, Nacht für Nacht und brauchen jemanden, der über uns wacht. Ja, unsere Zeit wird kommen, wir werden irgendwann wahrgenommen. Ja, auch du musst nicht mehr lange warten, denn die Karten werden neu gemischt, uns erwarten noch die schönsten Zeiten. Und ja, wir sind seltsame Wesen. Aber auch wir sind von Liebe erlesen.

Autorin: Elena Ratzlaff


Datingportal

Ein Forscher im Laboratorium steht, und seine Welt nicht mehr versteht.
Denn auf seinem Bildschirm flimmern Daten,
die ihm zu einem Verhältnis mit der Ute raten.
Aber diese wies ihn kühl zurück: Such woanders dein Computerglück!

Wenn auch dein Algorithmus mich erkürte,
ahnt er nicht, was ich im Herzen spüre.
Ich wünsche mir Liebe, für die Ewigkeit,
denn Liebe schenkt der Seele Geborgenheit.


Autor: Dieter Drechsler


Muttermal

Eine Erklärung hatte er nicht, aber sie hatte ihn recht gewaltig in ihren Bann gezogen. Und hätte sie nicht dieses Muttermal links oberhalb ihrer Lippen, sie wäre ihm wohl kaum aufgefallen – und das trotz des leuchtend roten Lippenstiftes, den sie alle Tage auftrug und der einen starken Kontrast zu ihrem blassen Teint bildete.
Sie – und genau genommen ihr Muttermal – war der Grund dafür, dass er zweimal wöchentlich das Café aufsuchte, in welchem sie bediente. Während der drei Kaffee-Crema, die er zu sich nahm, saß er vor seinem aufgeklappten Notebook, allerdings ohne wirklich zu arbeiten; und das nicht, weil er unzureichend zu tun hätte, sondern ganz einfach, weil er stark beeinträchtigt war in seiner Konzentration.
Nie setzte er sich abseits, stets in die Nähe voll besetzter Tische. So stellte er sicher, dass sie häufig in seine Nähe kommen und er ihr Muttermal betrachten könnte. Er hatte sich schon gefragt, ob sie wohl des morgens, bevor sie das Haus verließ, mit einem extra Tupfer Schwarz aus irgendeiner Wundertube die Markantheit des Mals betonte.
Ja, er hatte sich bereits Zärtlichkeiten mit ihr vorgestellt, hatte mit seinem Mund und seiner Zunge zunächst ihre Lippen und zur Krönung dann ihr Muttermal erkundet und war dabei in höchste Aufregung geraten. Diese Vorstellung war er, seit sie ihm das erste Mal gekommen war, nicht mehr los geworden.
Er musste etwas tun – unbedingt – alles andere würde ihn in den Wahnsinn treiben; sie anzusprechen würde allerdings nicht in Frage kommen, hierzu fehlte ihm schlicht der Mut; auch würde sie wohl kaum von sich aus den Kontakt zu ihm suchen.
Aber gänzlich von ihr zu lassen - das wäre schlichtweg unvorstellbar!
Auch wenn er sie nicht erreichte, so war er ihr doch immer nah!
Und niemand, der ihn beobachtete, würde auch nur erahnen, wofür die helle Marzipantorte mit Himbeermus-Füllung, garniert mit einer Mokkabohne, stand, für deren Genuss er sich zweimal wöchentlich so viel Zeit ließ, sich zuerst in kleinsten Happen die süße Backware auf der Zunge zergehen lassend, bevor er dann mit der Mokkabohne den krönenden Abschluss zelebrierte.

Autor: Michael Blum

Als uns die Mondin

Auf die Schliche kam
Waren wir gerade dabei
Uns zu erkennen
Im Dunkeln dieser Winternacht
Sahen die Hände manches
Mehr als wir gedacht
Dass es zu sehen gäbe Mondin kam und schaute uns
Blinkernd über Gliedern
Hob der dunklen Decke Zipfel
Glitzerte auf nackter Haut
Zwinkernd mit gesenkten Lidern
Lichreflexend uns verhexend
Als wir uns verkriechen suchten
Ineinander eng und fest
Tasteten die Schimmerfinger
Uns in jeder Biegung ab
Bis uns wohlig dieses Streicheln
Kühlte überhitztes Blut
Mondin bleib bist jetzt willkommen
Nichts mehr zu verbergen hier
Hast das in die Hand genommen
Mach nur weiter während wir
Liegend und genießend
Uns verwöhnen lassen
Von der Fülle zarter Lichter
Auf der hellbehauchten Haut
Als uns die Mondin
Auf die Schliche kam
Hat sie uns gleich getraut

Autor: Frieder Döring

Der Liebesrausch

Oh Gott – du bist in mein Leben gerauscht!
Und es war doch alles so schön einigermaßen in Ordnung!
Nicht das große Glück in der Totalen, wohl aber ein Stückchen davon, was ja weit besser ist als nichts. Eine schmale Spur Zufriedenheit, mal etwas weniger, zuweilen aber auch ein wenig mehr – mehr oder weniger halt.
Ich hatte mich so schön eingerichtet im Widerspruch: Hab ja genau so gut leben können, Basissicherheit; hin und wieder Glücksvorbereitung, man will ja schließlich noch was vom Leben, aber ohne die großen Entscheidungen, bloß kein „entweder – oder“; halt auf immer und ewig Glücksaspirant bleiben.
Und dann bist du einfach so in mein Leben gerauscht, hast alles durcheinander gebracht!
Wenn ich mich bei mir selbst für das Glück bewerben müsste – ich würde mich glatt durchfallen lassen, mir auch keine zweite Chance geben, hätte ich einfach nicht verdient. Können andere mehr mit anfangen, mit dem Glück.
Und dann rauschst du einfach so rein, bist wieder da, genau wie damals. Und das weiß ich ja noch ganz genau: Es ist kein Vorbeikommen an dir!
Der Rausch: mitgerissen sein und hinweg gefegt; ‚aus‘ der mittelmäßige Zukunftsplan; alles vergessen was zwischendurch war, das Zwischendurch war nur eine lange Pause; ohne Pause hätte der Rausch mich schließlich endgültig enterdet; alles löst sich auf; ich gebe mich hin, verliere mich, wo ich mich doch noch gar nicht ganz gefunden habe; eine Angst-Lust-Melange erfüllt mich.
Alles ist gut – oder wird gut – was aber nicht stimmt, wie ich weiß; ich kenne dich ja! Du ziehst mich rüber zu dir, kraftlos setze ich mich zur Wehr; ich blicke himmelwärts und fürchte den Sturz…
„Es ist was es ist, sagt die Liebe…“ – oder vielleicht doch nicht? War doch alles in Ordnung, in der Zwischenzeit, in meinem kleinen bescheidenen Leben.
Mein Herz hämmert, mein Atem rast, meine Knie zittern; in einem Höllentempo ziehen Bilder von damals an mir vorbei:
Der Anfang, der mich umgehauen hat, die Monate der Manie, je weniger wir schliefen, desto euphorischer waren wir geworden, die Tage hatten 36 Stunden, das ganze restliche Leben schien viel zu kurz für all unsere Pläne; wo war bloß in den Monaten die ganze Energie hergekommen, eine unerschöpfliche Quelle schien uns zu versorgen. Wir pflückten die Tage und waren traurig, nicht auch des Nachts im Traume beieinander sein zu können. Hoch waren wir geflogen, zu hoch vielleicht.
Irgendwann war es dann gekippt - wir hatten uns aneinander erschöpft und der Absturz war gekommen. Am Ende dann jeder für sich.
Wieder bist du nun in mein Leben gerauscht; ein gewaltiger Schwindel packt mich und lässt mich taumeln.
Im Innehalten voranzustürmen – das ist’s, wonach mir zumute.

Autor: Michael Blum