Startseite  Termine  Veranstaltungen  Autoren  Publikationen
Bücher   Presse   Über uns  Poetry-Slam  Kontakt  Archiv  Impressum


   

Dieter Drechsler

Dieter Drechsler geboren in Schleswig-Holstein, wuchs in Kropp, Dortmund, Kerpen im Rheinland und endlich in Köln auf. Dort erlernte er den Beruf des Medientechnikers. Bereits ab 1980 verfasste er Beiträge in Fachzeitschriften und begann eine intensive Zusammenarbeit mit Regisseuren und Filmschaffenden, denen er technisch zur Seite stand. Ferner schrieb er Fachbeiträge, Übersetzungen und Dokumentationen für internationale Untenehmen.
Mit dem Roman "Im Bann der Schwerkraft" präsentierte er seine erste freie literarische Veröffentlichung, der 2016 der Roman "Placebo" folgte.

Ein Unfall im Labor (Leseprobe aus "Seestücke")

Nichts auf der Welt scheint die Zweisamkeit in dem Motorboot stören zu können, das sich sanft in der leichten Dünung des Ligurischen Meeres wiegt. Eine späte Abend-sonne glitzert auf den Wellen und überzieht den Bootsrumpf und die geröteten Gesichter von Nerina und Leandro mit bunten Kringeln.
Leandro rückt etwas näher zu ihr heran und legt seinen Arm schützend um ihre Schultern. »Ist dir nicht zu kühl?«
Sie schüttelt leise ihren Kopf, und er beobachtet fasziniert, wie dabei die Salzkristalle des getrockneten Meerwassers auf ihrer Haut im Sonnenlicht funkeln. »Das hat sich seit dem Unfall total geändert.«
»Ach ja«, seufzt Leandro. »Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt.« Er sieht sie aufmunternd an. »Möchtest du vielleicht etwas essen?«
Nerina schaut melancholisch zu ihm hoch, denn sie weiß, dass er nur ihren Abschied hinauszögern möchte. »Du weißt doch, dass ich gut versorgt bin«, weist sie ihn mit sanfter, beinahe mütterlicher Stimme zurück und legt ihren Kopf an seine Schulter.
»Das mit dem Unfall ist nun genau fünf Jahre her«, stellt Leandro gedankenversunken fest, »und seit fünf Jahren wünsche ich mir, dass er nicht geschehen sein möge.«
»Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken«, antwortet Nerina mit einem leisen Tadel in ihrer Stimme, »aber es gelingt nicht immer.«
»Wir hätten das gentechnische Experiment mit dem riesigen Zackenbarsch nicht machen dürfen«, bricht es aus ihm hervor. »Wäre es uns und unserem Institut gelungen, dann gäbe es weniger Hunger auf der Welt«, widerspricht Nerina sanft, »aber wer konnte denn ahnen, dass dieser Barsch das Aquariumglas einfach so zerbrechen konnte.«
»Ich glaube, der hatte einfach Angst vor deiner Spritze.«


»Jetzt im Nachhinein bin ich mir auch sicher, dass er sie mir gezielt aus der Hand schlagen wollte«, nickt Nerina zustimmend. »Erinnerst du dich, was das anschließend für ein Chaos war? Ich lag vom Schlag halb betäubt am Boden. Dann das herausströmende Wasser, die Glasscherben und der Barsch in panischer Angst auf mir. Erst als mir die Kollegen zur Hilfe kamen, bemerkte ich, dass die entleerte Spritze mit dem Gen-Cocktail anstatt in seinem Schwanz in meinem Oberschenkel steckte.«
»Hätte man damals nur gewusst, was das für Folgen hat, dann … «,
Leandro winkt resigniert ab und schweigt.
Nerina rückt näher zu ihm heran und legt beide Arme um ihn. »Zum Glück hatten wir nicht mit Oktopussen experimentiert. Stell dir mal vor, ich würde dich jetzt mit acht Armen umarmen«, albert sie, um ihn aufzuheitern und haucht ihm einen Kuss auf die Wange.
Leandro erwidert still ihre Zärtlichkeit, um dann doch mit ihr Kopf an Kopf der untergehenden Sonne zuzusehen. Rotgoldene von den Wellen tausendfach reflektierte Lichtfinger umhüllen die Beiden, ehe sie beinahe übergangslos verlöschen und das Meer in einer bleigrauen Dunkelheit versinken lassen.
Nerina löst behutsam ihre Umarmung, »Ich muss wieder zurück«, haucht sie, und verabschiedet sich mit einem letzten Kuss. Leandro nickt und sieht ihr wehmütig zu, wie sie sich rücklings ins Wasser gleiten lässt und mit einem kraftvollen Schwung ihrer Schwanzflosse in der Tiefe verschwindet.


 

Weitere Informationen und Termine erhalten Sie hier:

www.Dieter-Drechsler.de