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Hedwig Bäte

Hedwig Bäte(geb. 1944), aufgewachsen in Düsseldorf. Erste Ausbildung als Bankkauffrau. Zweiter Bildungsweg und Studium der Wirtschaftswissenschaften, Deutsch und Geschichte. Lehrerin seit 1976 in Sieglar. Langjährige ehrenamtliche Tätigkeit in Politik, Vereinen, und Bürgerinitiativen. Kämft gegen Ignoranz, Bigotterie und Opportunismus.

Rapunzel

ich höre
dein auto
eile auf den balkon
beim aussteigen
schickst du schon
dein lächeln herauf
ich möchte
mein haar
hinablassen
um dich
zu mir herauf
zu ziehen
keine treppe
soll dich
von mir
entfernen können




Eine halbe Stunde

Jeden Freitag um halb sieben streck ich mich wohlig aus. Dann stelle ich meinen Walkman an und lausche den Klängen von Panflöte und Meeresrauschen. Dabei warte ich auf die vertraute Begrüßung, die nur wir beide austauschen. Dann ein sanftes Kneifen mit zwei Fingern an meinem großen Zeh. Ich höre, wie er das Öl in seinen Händen erwärmt und spüre sogleich die Flüssigkeit auf meinen Knien. Mit streichenden Bewegungen fahren seine Finger an meinen Beinen herauf und hinunter, kneifen ganz sacht und kneten die Muskeln. Sie umkreisen die Knöchel und streichen an den Zehen entlang. Dann sind die Arme dran. Der Eilbogen wird gefühlvoll auf seinen angehobenen Oberschenkel gelegt und anschließend werden die Muskeln des Oberarms geknetet. Nachdem meine Finger ausgeschüttelt wurden, streicht seine Rückhand über die Innenflächen meiner Hände, Seufzend drehe ich mich um, damit meine Waden und Oberschenkel bearbeitet werden. Danach walken seine Hände, pressen, streicheln, kreisen und kneten jeden einzelnen Muskel auf meinem Rücken. Seine Fingerkuppen klopfen ganz sanft meine Nackenmuskeln und wieder kommt anklagend seine Stimme: „Alles viel zu hart, nicht zu viel am Schreibtisch sitzen!" Dann muss ich mich aufsetzen. Innerlich verabschiede ich mich für eine eine anstrengende Woche und freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen und Wiederspüren in einer Woche. irn Fitnessstudio hängt ein enthäuteter Mensch an der Wand, bei dem alle Muskeln zu sehen sind und ich wollte mir alle Namen der Muskelgruppen merken, um ihn zu verblüffen. Aber jedesmal, wenn ich mich seinen Händen überlasse, verschwinden alle Gedanken aus meinem Kopf, nur ein wohliges Behagen breitet sich in meinem Körper aus und löscht all mein Gedanken. -


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