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Jöchen Röhrig

 Jochen Röhrig, geboren 1944 in Heggen, Krs. Olpe, aufgewachsen im Sauerland. Studium: Germanistik , Philosophie und Sport an der Universität Bonn. Dort Mitarbeit im lyrischen Studio Bonn. Lehrer in Köln-Porz und an der Gesamtschule Troisdorf. Literarische Arbeit schon als Schüler in Schülerzeitungen und Anthologien. 1990 Gründer des Literaturcafes Troisdorf. Veröffentlichungen: "Neue Lyrik und neue Musik", Selbstverlag des Literaturcafes Troisdorf, 1992; "Bildworte" im Wolkenstein Verlag Köln, 1994./


Frühlingsspaziergang Jetzt, im Frühling durch einen Wald zu spazieren, ist für viele Menschen ein großer Genuss. Besonders während der kurzen Zeitspanne, da das erste Grün der Laubbäume die zu durchwandernden Wälder in dieses helle, strahlende Frühlingslicht taucht. So war es auch in diesem Jahr. Unten am Parkplatz, von dem sie die Wanderung begannen, war der Weg gut abgetrocknet, der Kies zu kleinen Hügeln und Gräben zerflossen. Auch anderes Schwemmgut hatte das Schmelzwasser hierhergetragen, aber das behinderte die beiden Wanderer nicht. Die flache Steigung strengte heute mehr an, weil man noch nicht wieder so geübt war. Langsam wurde das Gelände steiler. Da, wo der Weg sich teilte, der untere schlängelte sich durch einen Jungfichtenbestand, der obere führte weiter hinauf in den Hochwald, wählten sie den steileren, zur rechten Hand gelegenen, der kurz unter dem Gipfel an den Mauerresten des verfallenen Klosters endete.

In dem herrschaftlichen Buchenhochwald hier schaute er mehrmals nach rechts zu seiner Frau, um zu sehen, ob sich auf ihrem Gesicht etwas von der Leuchtkraft des sonnendurchschienenen Buchengrüns zeigte, das ihn immer wieder an jenen Frühlingsspaziergang vor mehr als vierzig Jahren erinnerte, den er mit Marianne, dem Mädchen, in das er damals so verliebt gewesen war, unternommen hatte. Ihre schlanke Gestalt schien trotz ihrer beachtlichen Größe, sie war deutlich größer als er, eher zerbrechlich als kraftvoll. Der Eindruck, wurde durch den sehr hellen, fast durchscheinenden Teint ihrer Haut verstärkt. Ihr langes, gewelltes sehr feines dunkles Haar, floss über die Schultern auf den Rücken. Ja, das hatte ihn schon auf dem Ball, auf dem sie sich kennengelernt hatten, so beeindruckt. Im Alltag trug sie es zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, aus dem sich immer wieder einzelne Strähnchen lösten, die sie dann zur Seite strich und hinter den Ohren zu verstecken suchte. Wie die Zerbrechlichkeit der Erscheinung ganz im Gegensatz zur hohen Gestalt stand, so gegensätzlich erschien auch das leuchtende Hellblau ihrer großen, weit auseinander stehenden Augen, zu ihrer dunklen Haarfarbe. Diese überraschenden Eindrücke verliehen ihrer Person den Anschein des Besonderen, des Seltenen und dadurch Wertvollen.

Er war sehr verliebt; er versuchte auf alle möglichen Arten um sie zu werben, aber gerade der Eindruck des Außergewöhnlichen machte diese Werbung äußerst schwierig. Die Annäherung hatte auf einem offiziellen Ball begonnen und wurde seitdem in gelegentlichen gemeinsamen Gesprächen und kurzen, unverbindlichen Treffen weitergeführt. Es kam hinzu, dass sie aus einer angesehenen, begüterten Familie stammte, ihr Vater, ein General, war aus einem alten, schon immer staatstragenden Geschlecht, ihre Mutter aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie mit Konsultitel; seine Eltern dagegen kamen nur aus dem Bauern- und Handwerkermilieu.

Vor diesem Spaziergang kannten sie sich immerhin schon einige Wochen. Ja, er war sogar schon einmal bei ihr und ihren Eltern zum Abendessen eingeladen gewesen und die Messer, die auf Messerbänkchen ruhten, hatten ihn sehr beeindruckt, ihm fast jeden Mut zu einer eigenständigen Konversation genommen. Trotzdem schien er einen guten Eindruck hinterlassen zu haben, denn bald nach dem Förmlichkeitstraining dieser gemeinsamen Abendmahlzeit hatte sie seinem Vorschlag zu dem Frühlingsspaziergang im Hochwald zugestimmt. Jetzt endlich, so hoffte er, würde er ihr auch körperlich etwas näher kommen, was ihm bisher noch überhaupt nicht möglich gewesen war.

Für ihre Verhältnisse geradezu ausgelassen sprang sie von der letzten Stufe herab aus dem Bus, nahm ihn bei der Hand und lief los auf den Hochwald zu. Ihre Bewegung war anfangs eher ein Hüpfen im Wechselschritt. Als sie langsamer geworden waren, hoffte er inständig, dass sie ihm ein klein wenig Zärtlichkeit gestatten werde. „Wie schön das hier ist, wie hell und duftig!“ rief sie, und sie drehte sich mehrmals um die eigene Achse, so als ob sie tanze, breitete die Arme aus und schien mit ihren kleinen Händen die helle, weiche Frühlingsluft einfangen zu wollen.

Während sie sich zu ihm zurückdrehte, breitete er die Arme aus, um sie zu umarmen, schloss die Augen und – fühlte sich plötzlich an der rechten Hand gezogen. „Schau mal da drüben,“ rief sie, „da blüht schon ein wilder Kirschbaum, schau doch nur, welche Pracht!“ „Ja, sehr schön“, sagte er, und wenn man genau hinhörte, konnte man so etwas wie Enttäuschung in seiner Stimme hören. Dann erreichten sie eine Schutzhütte, vor der einige Bänke standen. Die Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen.

Das ist noch nicht das Ende der Geschichte...