Mira Hinterkausen
Mira Hinterkausen, geboren 1940 Nähe Belgrad, lebt seit 1964 in Köln und Umgebung, schreibt Erzählungen, Kurzgeschichten, Anekdoten; Erinnerungen an die Kindheit, Erlebnisse vor und hinter der Theke, Beobachtungen von Zeitgenossen, liebevolle Ohrfeigen für den sinnlosen Zeitvertreib der Wohlstandsgesellchaft.
Erike, der Kaiser von Cap de Vol
An einem warmen, sonnigen Nachmittag sitzen wir auf dem Ostbalkon. Da unten, 80 Meter
weiter, schlagen die Wellen wild gegen den Felsen Cap de Vol. Weißer
Schaum spritzt hoch, das Meer ist dunkelblau, der Himmel hell und
weit; am Horizont, wo die zwei Farben in einer Linie zusammenkommen,
fährt ein Schiff, die Fähre von Marseille nach Korsika. Vor unserem
Balkon, ein gepflegter Garten mit vielen blauen, roten und gelben
Blüten; unsere Nachbarin hat einen Blumenladen drüben in Frankreich.
Sie verkauft dort, was sie hier mit Liebe und Geduld großzieht.
Dicht am Haus rosa und weißer Oleander, rechts ein roter Kaktus. Vor
dem Garten ist ein unbebautes Grundstück mit riesigen
Brombeersträuchern, der Weg zum Meer führt hindurch. Links davon
hält ein weißer Mercedes, hintendran ein großes Boot auf einem
Trailer. Ein junger Mann steigt aus, von der Beifahrerseite eine
hochschwangere Frau und von den hinteren Sitzen springen zwei kleine
Jungs und ein Mädchen.
„Schau dir das mal an,“ regt sich Heinz auf und sein Gesicht läuft rot an. Teuren Benz, das Boot
ist noch größer und wertvoller als meins, drei Kinder und das vierte
unterwegs. Wer bezahlt das alles ? Alles von unseren Steuern!!“
„Heinz“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Die haben ein gelbes
Schild, das sind Franzosen, Sie leben nicht von deinen Steuern! Und
du hast den weißen Pudel übersehen!!“
"Noch ein Köter, der alles
vollkackt!“ schimpft er. „Du schaffst das schon, Heinz!“ Heinz hat
ein seltenes Talent: Von allen Hundehaufen auf der Wiese und auf den
Wegen den Vierbeintäter zu identifizieren und das Corpus Delicti
seinem rechtmäßigen Besitzer vor die Türe zu drapieren. Aber sonst
ist er ein lieber Mensch, er hält sich für sehr „rechtschaffend und
deutschdenkend“, was das auch immer heißen mag.
Er mag alle Menschen, außer Franzosen,
Belgier, Engländer, Ami’s, Neger, Araber und Türken, natürlich Hunde
und Kinder. Wahrscheinlich ist er mit den restlichen noch nicht in
Berührung gekommen! Heinz ist sehr hilfsbereit, in seinem Schuppen
ist alles an Ersatzteilen und Werkzeug, was man für Auto, Boot,
Strom oder Heizung braucht. Man sagt in Cap de Vol: „Was Du auch
brauchst, geh’ zum Kaiser, er hat alles.“ Er repariert alles am
Tennisplatz, dafür kann er immer kostenlos spielen. Die Spanier sind
ihm dankbar, nennen ihn Enrike und laden ihn nach dem Tennis zum
Feiern ein, nicht nur wegen des originalen Kölsch-Fässchens. Enrike
hat einen selbst gebastelten Rasenmäher, ein Ungetüm, laut wie ein
Düsenjäger. Er mäht alles: Wiese, Wege und Straßen bis zum Meer.
Alles, was ihn stört, wird abgemäht, auch die teure Fächerpalme von
der Nachbarin. Seitdem grüßt sie uns nicht mehr. Der Kaiser besitzt
auch eine starke Säge sowie eine Heckenschere, mit denen alle Bäume
und Sträucher leicht von 4 auf 1,5 Meter gestutzt werden. Alle
müssen kleiner sein als er ! und sie sind dann nicht mehr rund,
sondern viereckig, so mag er sie!!
Wenn Julia, die Engländerin von unten im
Haus, sagt: „No, Heinz, this is my garden!“ grinst er nur. „Die ist
übermorgen weg, und Ihre Sträucher sind dann so klein wie die
Hecke!“ So tobt sich der Heinz Tag für Tag aus, doch um halb acht
abends ist Schluss. Dann fällt er erschöpft vom Tagwerk in den
Ohrensessel, seinen Thron, der das halbe Zimmer einnimmt. Der
Fernseher ist an, seine imaginäre Guillotine ist einsatzbereit. In
den Nachrichten ist natürlich jeden Tag irgendwo ein Verbrecher,
Mörder oder sogar Kinderschänder entwischt, dann heißt es: „Dem
würde ich den Arm abhacken, dem würde ich die Beine absägen, dem
würde ich die Zunge rausschneiden,“ und die höchste Strafe ist: „die
Haut abziehen!“
Anfangs sagte ich: „Henker wäre der Beruf, nein, die
Berufung für dich, die werden sogar gut bezahlt !“
Darauf er: „Das würde ich auch ohne Bezahlung gerne machen!"